Industrie-PC richtig auswählen: Checkliste für die Konfiguration

Von Helmut Artmeier  •   3 Minuten gelesen

Industrie-PC auswählen – Checkliste für Konfiguration und Beschaffung (KI-generiertes Symbolbild)

Industrie-PC richtig auswählen: Checkliste für die Konfiguration

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Die Auswahl eines Industrie-PCs scheitert häufig nicht an der Rechenleistung, sondern an übersehenen Umgebungsbedingungen: falsche Schutzart, unzureichender Temperaturbereich oder fehlende Schnittstellen. Diese Checkliste strukturiert den Prozess für die korrekte Industrie-PC-Auswahl – von der Anforderungsaufnahme bis zur Bestellspezifikation.

Sie setzt voraus, dass die Gattung bereits feststeht. Ist noch offen, ob es überhaupt ein Industriecomputer sein muss oder ob ein Bürogerät im Schaltschrank genügt, gehört diese Frage vor die Checkliste – sie entscheidet über einen Aufpreis von typisch 600 bis 900 Euro pro Gerät.

1. Einbauort und Umgebungsbedingungen bestimmen

Der Einbauort hat die größten Auswirkungen auf die Hardware-Auswahl:

Temperaturbereich: - Klimatisierter Schaltschrank, Büroumgebung: Standard-Temperaturbereich 0–40°C - Nicht klimatisierter Schaltschrank, Produktionshalle: Extended-Range –20 bis +60°C - Außenbereich, Kältekammer, Hochofen-Nähe: Wide-Range –40 bis +85°C

Schutzart (IP-Klasse nach IEC 60529): - Schaltschrank-Innenmontage (kein direkter Staub-/Feuchtigkeitszugang): IP20 ausreichend - Maschinenfront oder Gehäuse-Integration (Staub, Spritzwasser möglich): mindestens IP65 - Hochdruckreinigung, Nassbereich: IP67 oder IP69K

Vibration und Schock: - Schweiß-Roboter, Pressen, Stanzen: Vibrationsfestigkeit nach IEC 60068-2-6 prüfen - Mobile Maschinen (Fahrzeuge, Landmaschinen): Schockfestigkeit nach IEC 60068-2-27

2. Rechenleistung festlegen

CPU: - Datenerfassung, Logging, HMI: Intel Celeron / Atom, 2–4 Kerne - Steuerungsaufgaben, SCADA, leichte Bildverarbeitung: Intel Core i5, 4–6 Kerne - Bildverarbeitung, KI-Inferenz auf CPU: Intel Core i7, 6–8 Kerne, hoher Takt (≥ 3,5 GHz)

RAM: - Basis-Steuerung und Logging: 4–8 GB - Windows-basierte HMI und SCADA: 8–16 GB - Machine Vision mit großen Bildpuffern: 16–32 GB - Deep-Learning-Inferenz mit großen Modellen: 32–64 GB

GPU: - Kein Bedarf bei regelbasierter Bildverarbeitung und Steuerungsaufgaben - Erforderlich für neuronale Netzwerke (CNN, YOLO, Autoencoder) mit Echtzeitanforderung

3. Schnittstellen spezifizieren

Schnittstellen sind in Industrie-PCs oft nicht nachrüstbar – vollständige Anforderungsaufnahme vor der Bestellung:

Schnittstelle Typischer Bedarf
Ethernet (GbE) ≥ 2 Ports: 1× Maschinennetz, 1× Office-IT-Netz
RS232 / RS485 Modbus-Geräte, serielle Sensoren, Barcode-Scanner
CAN-Bus Antriebe, Sensorik in Fahrzeugen
Digital-I/O SPS-Signale, Aktoren, Lichtschranken (Anzahl DI/DO)
USB 3.x Kamera, Dongle, externe Storage
GigE Vision / USB3 Vision Industriekameras
HDMI / DisplayPort Lokaler Monitor für Einrichtbetrieb
LTE / WLAN Fernwartung, Telemetrie (interne Karte oder extern)

4. Speicher dimensionieren

Betriebssystem-Laufwerk (NVMe/SSD): - Windows 10/11 IoT: mindestens 64 GB, empfohlen 128–256 GB - Ubuntu / Debian: mindestens 32 GB, empfohlen 64–128 GB

Datenspeicher: - Lokaler Log-Puffer: Kapazität für Ausfall-Puffer berechnen (Datenmenge × Pufferzeit) - Bildarchiv: Kameraauflösung × fps × Aufbewahrungszeit – kann schnell mehrere TB erreichen

5. Kühlung wählen

  • Fanless (lüfterlos): Für staubreiche Umgebungen, wartungsarme Installationen oder wenn kein Lüftertausch-Zugang vorhanden ist. CPU-TDP maximal 35 W.
  • Aktiv (Lüfter): Wenn CPU-TDP über 35 W, GPU-Karte oder Hochlast-Dauerbetrieb.

Mehr Details: Lüfterlose Industrie-PCs: Technik, Vorteile und Einsatzgrenzen.

6. Langzeitverfügbarkeit und Support sicherstellen

Für Serienprojekte oder langlaufende Anlagen ist die Komponentenverfügbarkeit entscheidend:

  • Industrie-Prozessoren (Intel Embedded, AMD EPYC Embedded): Lieferzusage 5–7 Jahre
  • Consumer-Prozessoren: Keine Lieferzusage, Abkündigung typisch nach 2–3 Jahren
  • Hersteller-Lifecycle: Mindestens die geplante Anlagen-Laufzeit als Support-Zusage einholen
  • Reparierbarkeit: Lagerung von Ersatz-Einheiten oder Service-Vertrag mit Reaktionszeit

7. Bestellcheckliste

  • [ ] Betriebstemperaturbereich definiert
  • [ ] Schutzart (IP-Klasse) festgelegt
  • [ ] CPU-Leistung und Kernanzahl spezifiziert
  • [ ] RAM-Kapazität festgelegt
  • [ ] GPU erforderlich? Modell ausgewählt?
  • [ ] Schnittstellen vollständig aufgelistet (ETH, COM, I/O, USB, Display)
  • [ ] Speicher-Kapazität für OS und Daten berechnet
  • [ ] Kühlung (Fanless / aktiv) ausgewählt
  • [ ] Montageform (DIN-Rail, VESA, Rack) festgelegt
  • [ ] Spannungsversorgung (DC-Eingang, AC-Eingang, Spannungsbereich)
  • [ ] Zertifikate (CE, UL) für Zielmärkte geprüft
  • [ ] Lieferzusage und Lifecycle des Herstellers abgeklärt

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