Wie wähle ich den richtigen Industrie-PC? Ein Entscheidungsrahmen

Von Helmut Artmeier  •   4 Minuten gelesen

Richtigen Industrie-PC auswählen – Entscheidungsrahmen (KI-generiertes Symbolbild)

Wie wähle ich den richtigen Industrie-PC? Ein Entscheidungsrahmen

Symbolbild, KI-generiert (gpt-image-1)

Die Auswahl eines Industrie-PCs scheitert selten an fehlenden Daten. Datenblätter gibt es reichlich. Sie scheitert an der Reihenfolge, in der die Fragen gestellt werden – und daran, dass die teuren Festlegungen ganz am Anfang stehen, wo sie noch niemand für Festlegungen hält.

Dieser Artikel behandelt die Entscheidungslogik. Die Spezifikation Punkt für Punkt – Prozessor, Speicher, Schnittstellen, Betriebssystem – steht in der Checkliste für die Konfiguration.

Das Prinzip: erst ausschließen, dann bewerten

Eine Beschaffung läuft wie eine Ausschreibung. Zuerst die K.-o.-Kriterien, dann die Bewertung der verbliebenen Angebote. Wer mit der Bewertung anfängt, vergleicht sorgfältig Geräte, die aus anderen Gründen ohnehin ausscheiden.

Die Reihenfolge lässt sich nicht umdrehen, weil die Kriterien unterschiedlich hart sind:

  1. Umgebung – Temperatur, Schutzart, Vibration. Nicht nachrüstbar, nicht verhandelbar.
  2. Einbausituation – Bauraum, Montageart, Tiefe. Nicht nachrüstbar.
  3. Schnittstellen – seriell, Feldbus, Kamera, I/O. Nur über PCIe nachrüstbar, und das braucht Bauraum aus Punkt 2.
  4. Rechenleistung – CPU, GPU, Speicher. Weich: überdimensionierbar, in Grenzen nachrüstbar.
  5. Betriebssystem – folgt aus der Software, selten aus der Hardware.
  6. Beschaffungshorizont – Stückzahl, Laufzeit, Ersatzteilstrategie.

Die ersten drei Punkte entscheiden, welche Geräte überhaupt zur Auswahl stehen. Erst danach ist der Vergleich von Prozessoren sinnvoll.

Die vier Fehler, die Geld kosten

Mit der Rechenleistung anfangen. Der häufigste Einstieg – und der, der die meiste Zeit verbrennt. Am Ende steht ein sorgfältig ausgewählter Rechner, der 320 mm tief ist und nicht in den Schaltschrank passt.

Die Schnittstellenliste erst nach der Bestellung vollständig aufstellen. Serielle Ports, CAN, Digital-I/O und Kameraeingänge lassen sich nur über Steckkarten nachrüsten. Wer kompakt und lüfterlos gekauft hat, hat den Slot nicht. Die Liste gehört vor die Produktauswahl, nicht danach.

Auf die Nennleistung auslegen statt auf die Umgebung. Datenblätter nennen die kühlbare Verlustleistung meist für 25 °C. Im unklimatisierten Schaltschrank mit Frequenzumrichter darunter sind es 45 °C, und damit bleibt von der Reserve wenig übrig. Der Zusammenhang und die Überschlagsrechnung stehen unter Lüfterlose Industrie-PCs.

KI „später nachrüsten" wollen. Der Klassiker: Das System läuft zwei Jahre, jetzt soll Bildverarbeitung dazu. Die Karte wäre lieferbar – es fehlen Bauraum, PCIe-Slot und Netzteilreserve. Eine dedizierte Inferenzkarte der Einstiegsklasse zieht rund 70 W, dazu kommt die Abwärme im selben Gehäuse.

Faustregel: Wer sich KI-Inferenz für später offenhalten will, muss heute den Bauraum, den PCIe-Slot und etwa 150 W Netzteilreserve mitkaufen. Nachrüsten lässt sich die Karte, nicht das Gehäuse.

Rechenleistung: wie viel ist genug?

Die Klassen lassen sich grob an der Aufgabe festmachen. Die Tabelle ersetzt keine Auslegung, aber sie sortiert das Feld:

Aufgabe Klasse
Protokollbrücke, Datenlogger Atom oder Celeron, lüfterlos
HMI, Visualisierung, Steuerung Core i3/i5, lüfterlos
Bildverarbeitung mit klassischen Algorithmen Core i5/i7, ohne dedizierte GPU
Inferenz auf Sensordaten, Anomalieerkennung Core i5/i7 mit integrierter Grafikeinheit
Bildverarbeitung im Maschinentakt Core i5/i7 plus dedizierte GPU
Mehrere Kameras, Video in Echtzeit Leistungs-CPU plus GPU der Oberklasse, aktiv gekühlt

Die Grenze verläuft nicht zwischen „mit KI" und „ohne KI", sondern zwischen Bilddaten und allem anderen. Klassische Bildverarbeitung mit morphologischen Operationen läuft auf der CPU; neuronale Netze auf Bilddaten im Takt der Linie brauchen eine GPU. Alles dazwischen ist eine Frage der Zykluszeit, nicht der Ideologie.

Was der Betrieb kostet

Der Anschaffungspreis ist bei Dauerbetrieb nicht der größte Posten. Ein Beispiel über fünf Jahre bei 25 ct/kWh:

  • Ein aktiv gekühltes System mit 100 W Dauerleistung: 100 W × 8.760 h × 5 Jahre = 4.380 kWh, also rund 1.095 Euro Strom.
  • Ein lüfterloses System mit 35 W für dieselbe Aufgabe: 1.533 kWh, also rund 383 Euro.

Die Differenz von etwa 700 Euro liegt in derselben Größenordnung wie der typische Aufpreis für die sparsamere Auslegung. Dazu kommen die Posten, die selten in der Kalkulation stehen: Lüftertausch bei aktiv gekühlten Systemen, Ersatzgerätehaltung für kritische Linien und – der mit Abstand teuerste – die Stunde Anlagenstillstand.

Faustregel: Bei 24/7-Betrieb kostet jedes Watt Dauerleistung über fünf Jahre rund 11 Euro Strom. Damit lässt sich im Angebotsvergleich sofort überschlagen, ob sich die sparsamere Variante trägt.

Günstigere Hardware mit höherem Ausfallrisiko ist über fünf Jahre regelmäßig die teurere. Wo der Aufpreis für Langzeitverfügbarkeit kippt, behandelt Was ist ein Industrie-PC?.

Entscheidungsmatrix

Einsatzfall Auslegung
IoT-Gateway, Protokollumsetzung Lüfterloser Kompakt-IPC, Atom/Celeron, DIN-Rail
Datenlogger mit HMI Lüfterloser Box-PC, Core i3/i5, VESA oder Hutschiene
Machine Vision mit KI-Inferenz Box-PC mit PCIe-Slot, Core i5/i7 plus Einsteiger-GPU, aktiv gekühlt
Hochleistungs-Inferenz, mehrere Kameras GPU-System ab 250 mm Tiefe, Netzteilreserve, aktiv gekühlt
Mobile Maschine, Landtechnik Vibrationsgeprüft, 12/24 V Bordspannung, IP-Schutz, lüfterlos
Außerhalb des Schaltschranks IP54 aufwärts, lüfterlos, erweiterter Temperaturbereich

Der Reihe nach

Der häufigste Auswahlfehler ist nicht das zu schwache System, sondern das falsch herum begründete. Wer mit Umgebung, Bauraum und Schnittstellen beginnt, hat nach drei Fragen ein überschaubares Feld – und kann die Rechenleistung dann in Ruhe großzügig wählen. Umgekehrt wird die sorgfältigste Prozessorauswahl wertlos, sobald das Gehäuse nicht in den Schaltschrank passt.

Passende Systeme aller Klassen: Box-PCs und Industrie-Computer. Für GPU-gestützte Inferenz zusätzlich: PCIe AI- und GPU-Karten.

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